Auch Interviewer wollen gefragt sein – schließlich brauchen die meisten von ihnen recht oft etwas zu essen, und das kostet Geld. Erst einmal ist es also ganz toll, wenn ein Interview-Auftrag nach dem nächsten ansteht. Aber: Wer gute Interviews machen will, muss sich auf seine Interviewpartner einstellen. Und das braucht Zeit. Es ist eine Kunst, die Balance zwischen Viel und Gut herzustellen. Aber es gibt ein paar Kriterien, die die Entscheidung leichter machen.
Ich mache nicht mehr als drei Interviews in einer Woche. Also eigentlich zwei. Je nach Thema sogar nur eines, und das kann sich dann auch noch in die nächste Woche ziehen. Da fängt das Abwägen nämlich schon an. Ich rate jedem Interviewer, Kriterien für sich zu definieren, wie viele und welche Art von Aufträgen in welchem Zeitraum machbar sind. Und dabei gilt, was ich schon öfter geschrieben habe: Ehrlichkeit. Zu sich selbst.
Wie viel Vorbereitungszeit brauche ich?
Ein Punkt bei meinen Überlegungen ist der geschätze Umfang der Vorbereitung. Meine Aufträge laufen ja nicht immer auf die “richtigen”, großen Interviews hinaus, sondern ich spreche auch mit Menschen, von deren Antworten ich letztlich nur zwei, drei Zitate im Text verwende. Ich könnte mich also einfach mal oberflächlich vorbereiten. Aber ich kenne mich. Auch auf solche Interviews bereite ich mich – mit kleinen Abstrichen – anständig vor. Weil ich es erstens unhöflich finde, diesen Menschen mit Minimalvorbereitung eben schnell drei Fragen zu stellen, und weil zweitens die wirklich interessanten Punkte oft erst dann ans Licht kommen, wenn ich in die Tiefe tauche. Auch bei Rechercheinterviews.
Deshalb setze ich mich im Zweifelsfall hin und überschlage, wie viel Zeit ich für welchen Auftrag rechne. Dann flugs in den Kalender geschaut, Abgabetermine mit dem Aufwand abgeglichen, einen Puffer für Unerwartetes gelassen – und ich weiß, ob ich guten Gewissens zusagen kann.
Mit welchen Themen werde ich mich beschäftigen?
Ich will mich auf jedes Interview konzentrieren können. Das klappt sowieso schon nicht immer so, wie ich es ideal fände, weil ich ja nun mal nicht in einer Blase lebe, in der ich nichts anderes tue als meinen Job. Aber ich orientiere mich an diesem Maßstab. Deshalb lehne ich auch schon mal Auftragsanfragen ab, weil ich von vornherein absehen kann: Das kann ich nicht so schaffen, wie ich es für angemessen halte. Was nun die Anzahl der Interviews in der nächsten Zeit angeht, wäge ich deshalb auch inhaltlich ab: Wie gut bin ich schon im jeweiligen Thema, wie leicht fällt mir der Zugang zu dieser Person, wie viel Zeit habe ich im Moment, um mich ausschließlich um meine Interviewvorbereitung zu kümmern?
Hier kann man sich Opernsänger zum Vorbild nehmen, finde ich. Die würden einer schlechte Kritik nie entgegnen, dass sie bei der Premiere ja noch recht viel über ihre Gesangstechnik nachdenken mussten. Weil sie nicht auf die Bühne gehen, ehe sie sich nicht voll auf das Wesentliche konzentrieren können – in ihrem Falle den künstlerischen Ausdruck.
Wie ähnlich werden sich die Interviews?
Ein weiterer Punkt ist für mich die Frage: Wie sehr ähneln sich die Themen? Da habe ich etwa einen Termin mit einer Professorin, es soll um weibliche Karrieren in der Forschung gehen. Und einen weiteren Termin mit einer weiblichen Führungskraft aus der Finanzbranche. Unterschiedliche Menschen, aber mit vielen thematischen Berührungspunkten im Feld Frauen und Karriere. Da weiß ich: Ich muss aufpassen, dass ich keine Daten durcheinanderwerfe, sehr genau planen, damit jedes der Interviews seinen eigenen Dreh bekommt, auf die Dramaturgie schauen und so fort.Es lauern also Gefahren, wenn ich mich auf ähnliche Interviews innerhalb kurzer Zeit einlasse.
Ich kann aber vielleicht aus dem Interview mit der einen noch neue Ideen für das nächste Interview mitnehmen. Und die Expertise im Thema wirkt sich in der Zeitplanung positiv aus (siehe oben). So oder so: Ein Interview mit einem Musiker drei Tage später würde ich noch mitnehmen. Noch ein Wirtschaftsthema eher nicht.
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