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AUTORISIERUNG: SCHWARZ UND WEISS

12.10.2011 von Petra Engelke

Alle Jahre wieder passiert es, heute beim Handelsblatt: Da erscheint ein Interview ohne Antworten, weil das Gezerre um den Inhalt eines Textes überhand nahm, der darauf beruht, dass tatsächlich jemand gefragt und ein anderer geantwortet hat. Die taz hat vor vielen Jahren einmal ein solches Interview auf die Titelseite der Printausgabe gestellt und die Antworten geschwärzt. Handelsblatt Online verwendet dafür Weißraum. Und was steckt dahinter?

Die meisten Journalisten gewöhnen sich einfach irgendwann dran. Insbesondere in Deutschland kommt spätestens nach dem Interview meist die Frage: Kann ich das bitte noch mal sehen? Oft ist es keine freundliche Bitte, sondern eine Forderung. Und wenn die Antworten dann der PR-Abteilung nicht genehm sind, was sie eigentlich nie sind, weil – zum Glück! – nur wenige Menschen in PR-Floskeln sprechen, dann kommen die Änderungswünsche. Der Herr Schauspieler, der seine Sätze mit Fäkalausdrücken verziert, soll in der Öffentlichkeit höflicher rüberkommen, bei der Wissenschaftlerin streicht die Presseabteilung die Passagen, die das Lesen zum Spaß machen, mit dem Hinweis, das sei zu flapsig, und selbst ein Unternehmenschef darf nicht einfach verraten, wie er sein Unternehmen sieht, wenn seine Media-Abteilung davon andere Vorstellungen hat. Das braucht man sich aber doch gar nicht gefallen lassen.

Mal vorneweg geschoben: Ich verstehe es, wenn Menschen, die ich interviewt habe, sich absichern wollen, ob ich auch wirklich ordentlich arbeite. Ich verstehe auch, dass fast niemand druckfrei spricht und sich vielleicht mit etwas unwohl fühlt. Und ich verstehe auch, dass einem, wenn ich so richtig gut bin, im Interview mit mir ein Geheimnis herausrutscht, das ich um alles in der Welt für mich behalten soll. Aber das bedeutet nicht, dass ich deshalb der Welt stattdessen langweiliges Zeug zumuten muss.

Schließlich muss ich ein Interview nicht veröffentlichen, bloß weil ich es geführt und dabei aufgenommen habe, eine komplette Abschrift getippt und dann eine lesbare Version daraus gemacht habe. Wenn danach die andere Seite daraus etwas machen will, das weit von der Wahrheit entfernt liegt oder weit von jeglichem Informationsgehalt, dann kann ich auch sagen: Nein, so gebe nun wiederum ich das nicht frei. Das vergessen viele Autoren. Was natürlich auch daran liegt, dass “nicht liefern” den Redaktionen ein Problem bereitet.

Aber auch den Redaktionen geht es immer mal wieder zu weit, wie Interviewte in Texte eingreifen. Und manchmal machen sie ihren Ärger dann öffentlich. Ich finde das gleichzeitig herrlich und scheinheilig.

Letzteres, weil meistens zur selben Zeit andere Interviews im Blatt stehen, die auch erst einmal freigegeben wurden, und zwar auch mit Kompromissen, wenn auch die Redaktion diese offenbar verträglicher fand. Trotzdem finde ich es gut, wenn da jetzt so ein geschwärztes oder geweißtes Stück erscheint. Aus drei Gründen: Erstens finde ich es wichtig, zu zeigen, was vor der Veröffentlichung eines Interviews passiert – das weiß ja längst nicht jeder Leser, und es schärft die gesunde Skepsis. Zweitens erzählen gute Interviewfragen auch für sich genommen eine Geschichte – diese Interviewform ist also eine seltene Würdigung der Zunft, der ich angehöre. Und drittens, nun ja: Es verschafft mir diese kleine, menschliche, total peinliche Genugtuung namens Schadenfreude.

Nachlesen? Bitteschön:

“Geweißtes” Interview mit dem Chef der größten französischen Bank im Handelsblatt

Kleiner Ausschnitt aus dem geschwärzten taz-Interview mit Olaf Scholz in einem nach wie vor lesenswerten Telepolis-Text von Olaf Meyer (2003)

*Disclaimer: Handelsblatt gehört zu meinen Auftraggebern. An dem Interview und dessen Veröffentlichung war ich nicht beteiligt.

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