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FRAUENFRAGEN: Wer ist in?

13.03.2014 von Petrina Engelke

Wie fange ich es an, mit einer Feministin (Offenlegungs-Hinweis: das bin ich auch) über Frauenfragen zu sprechen? Für ein Interview mit Anke Domscheit-Berg lasse ich mir etwas einfallen. Aber dann bin ich auf einmal froh, dass ich ihr die fertige Fassung noch einmal zum Faktencheck vorzulegen versprach.

Denn erst einmal denke ich: Ich glaube, ich höre nicht richtig! Wieder und wieder gehe ich in der Interview-Aufnahme ein Stück zurück, spitze die Ohren – und wundere mich. Wie bitte? Gefragt habe ich:

“Sind Sie eigentlich Piratin oder Pirat?”

Was ich der Interview-Aufnahme entnehme, passt überhaupt nicht zu dem, was sie mir sonst in Frauenfragen erzählt hat. Das spricht dafür, dass ich Frau Domscheit-Berg missverstanden habe, aber ein Interview ist ja kein Indizienprozess. Ich sehe zwei Möglichkeiten:

  • Streichen; und
  • Nachfragen.

1. Einen genuschelten, übertönten oder unschlüssigen Teil kann ich durchaus weglassen – sofern ich mich an ein paar Regeln halte.

Schließlich müssen Interviews ohnehin fast immer gekürzt werden (in diesem Fall umfasst das Transkript 15 Seiten!). Kommt mir diese Idee jedoch, weil eine Passage schwer zu verstehen ist, funkt mein Gewissen : “Na, wenn sich da mal nicht eine auf die faule Haut legen will …”

Ganz gefährlich: Lasse ich einfach einen einzelnen Satz oder Nebensatz weg, bloß weil ich ihn nicht verstehe, verdreht sich mir nichts, dir nichts der Sinn. Das geht schon mal gar nicht. Fürs Weglassen entscheide ich mich nur, wenn der Interviewteil für den Text ohnehin nicht so wichtig ist oder weit vom roten Faden entfernt liegt. Das trifft in diesem Fall aber nicht zu: Die Frage gehört zu einem wichtigen Teil des Interviews.

2. Zurück zur Quelle: Nachfragen oder von den Interviewten prüfen lassen.

Jetzt halte ich mir mal wieder vor Augen: Interviews sind wie Tangotanzen – im Alleingang kommt wenig dabei heraus. Beim Interview merkt man manchmal aber dann doch erst im stillen Kämmerlein, dass etwas fehlt. Also zurück aufs Parkett!

Klar ist das Interview längst vorbei. Aber … ich hätte da noch eine Frage. Und die kann ich stellen, wenn ich eine Passage der Aufnahme partout nicht verstehen kann (zum Beispiel, weil in dem Moment gerade draußen die Feuerwehr mit voller Sirenenpracht vorbeifuhr) oder wenn das, was ich zu hören glaube, im Widerspruch zu anderen Aussagen steht und mir das erst beim Abhören auffällt.

Dabei kann ich auf zwei Arten vorgehen: Erstens kann ich nur die Frage schicken und sie mir noch einmal beantworten lassen. Das geht nicht immer; Entscheidungshilfefragen: Steht die Frage für sich oder gehört sie zu einer Reihe? Wieviel Kontext brauche ich, um den Zusammenhang zu erfassen? Zweitens kann ich die “fertige” Passage schicken und fragen, ob das so stimmt.

Ich entscheide mich für Letzteres. Meiner Interviewpartnerin den gesamten Text zum Faktencheck schicken wollte ich ohnehin; ich entscheide mich aber auch dafür, auf meine Spezialfrage gar nicht extra hinzuweisen. Ich schreibe also auf, was ich als Antwort höre, und schicke den Text zur Freigabe. Anke Domscheit-Berg antwortet schnell mit einem Korerkturhinweis: “Ich habe natürlich PiratIN geantwortet.”

Da bin ich aber erleichtert. Denn die Antwort “Ich bin natürlich Pirat” hätte so gar nicht zu dem gepasst, wie ich sie kennen gelernt habe. Und ich gebe zu: Ich hasse es, wenn eine Frau sich als Pirat (oder Chef oder Friseur oder Feinschmecker oder Tierfreund) bezeichnet. Tut das tatsächlich eine im Interview, veröffentliche ich es natürlich genau so, wie sie es gesagt hat. Schließlich entscheide nicht ich, wer in ist.

(Das komplette Interview mit Anke Domscheit-Berg erscheint am Wochenende bei Galore und dreht sich vor allem um Bürgerbeteiligung und Überwachung.)

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