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MENSCHENFISCHEN

10.08.2009 von Petra Engelke

Bevor man ein Interview machen kann, muss man erst einmal den passenden Gesprächspartner finden. Mal schlägt die Redaktion jemanden vor, mal machen Agenturen einem ihre PR-Lammbraten schmackhaft, mal bringt eine Recherche Namen mit sich. Allerdings sollte man bei all diesen Techniken nicht vergessen, dass Neugier und Aufmerksamkeit mit gutem Grund zu den Basisqualitäten guter Journalisten gehören.

Meinen potenziell (wenn ich das Thema verkauft bekomme) nächsten Interviewpartner treffe ich nur deswegen, weil  ich Halsschmerzen habe. Das ist eine Untertreibung. Ich kann kaum noch schlucken, also muss ich wohl an einem Samstag einen Arzt finden, schaue mich dazu im Netz um und finde Dr. Bolte. So ziemlich das erste, was er mir sagt, ist: “Ich bin exzentrisch.” Das und alles, was ich in der darauffolgenden halben Stunde erlebe, macht mir klar: Der Mann führt erstens ein sehr interessantes Leben und wäre zweitens ein wortgewandter Gesprächspartner.

Das einzige medizinische Equipment im Sprechzimmer ist eine relativ kurze, popelgrüne Untersuchungsliege. Ich setze mich auf einen Stuhl und habe Mühe, den Doktor hinter all den ineinandergerutschten Papierstapeln auf dem Schreibtisch zu erspähen. Auch die Regale sind vollgestopft, ich begutachte ein staubiges Gerät, von dem ich hoffe, dass es bloß ein Anrufbeantworter ist und nichts, das er mir später in den Hals stecken wird. Ich erkläre ihm, dass ich einen starken Würgereiz bei Halsuntersuchungen habe. Er sagt, er wird mich nicht berühren. Ich sage, aber was ist denn mit diesem Löffel, mit dem die Ärzte einem die Zunge runterdrücken? “Das ist was für Sadisten”, sagt Doctor Bolte.

Er leuchtet mir mal kurz in den Hals, stellt fest, dass da ein roter Ring ist, fragt dann, ob er mir denn richtig in die Ohren schauen darf, stellt fest, dass rechts nicht so gut aussieht. Er holt ein gelblich-beiges Gerät mit grünen Knöpfen hervor, das aussieht, als läge es seit den 70ern hier herum, wickelt Frischhaltefolie um den da dranhängenden Metallstab, drückt ihn mir in die Hand und instruiert mich, das Metall unter meine Zunge zu schieben und dann den Mund zu schließen. Er schaut auf die beige Fernbedienung: kein Fieber (das heißt vermutlich: keine Schweinegrippe). Dann hört er noch meine Lunge ab und misst meinen Blutdruck – letzteres mit der üblichen Armmanschette, die allerdings an einer Säule hängt, die aussieht wie diese uralten Waagen. Schließlich verschreibt er mir Antibiotika und gibt mir einen Tipp, in welcher Apotheke ich die relativ günstig bekommen kann.

Mein Fall ist eine Lappalie für ihn, trotzdem nimmt er sich eine halbe Stunde Zeit. Doctor Bolte findet es höchst interessant, dass ich deutsche Journalistin bin. Er erzählt mir von seinen deutschen Wurzeln, einer seiner Großväter (oder Urgroßväter) war der beste Freund von Baron von Richthofen. Er selbst wurde schon als “der wahre Doctor House” bezeichnet, verrät er mir, und später finde ich auch heraus, warum: weil er ein Diagnose-As ist. Der Chef einer Gesundheits-Radioshow schickt manchmal Patienten zu Bolte, wenn er nicht weiter weiß. Zu ihm kommen Menschen, die eine zweite oder dritte Meinung haben wollen, die andere Ärzte aufgegeben haben – oder deren Wahrsager ihnen gesagt haben, woran sie leiden. Er hilft den meisten von ihnen. Sein Rezept? Hoffnung, sagt er.

Da bin ich definitiv auf Interviewgold gestoßen – auch wenn ich es lieber aus angenehmeren Gründen gefunden hätte.

Tags:   · 5 Kommentare

5 Antworten bisher ↓

  • Also erst einmal: Ich finde das ganze Blog toll und finde es schade, dass es noch keine Kommentare gibt.
    Dieser Beitrag hat mir besonders gut gefallen und jetzt, ja jetzt bin ich mächtig neugierig auf diesen Doktor. Und hoffe, dass es bald ein ganzes Interview mit ihm irgendwo zu lesen gibt.

  • Hallo Maju,

    herzlichen Dank! Das Interview wird tatsächlich bald erscheinen, ich werde es hier dann verlinken.

  • Ja, wo ist denn der Link zum Interview? Ich bin auch ganz neugierig darauf. :)

    Ich bin vorhin übrigens eher zufällig über deine Webseite gestolpert — was vernünftige Kommentare so bewirken können…

    Hängen geblieben bin ich wegen der super geschriebenen Vita und den Foto (Die sieht ja aus wie eine Afrikanistin!).

    Ich denk, ich schau jetzt öfter vorbei. :)

  • Na gut, jetzt habe ich den Link zum Interview auch gefunden. ^^

  • Freut mich! Mit Afrikanistik habe ich nichts zu tun. Mit karibischer Religion übrigens auch nicht.