Ich soll ein Porträt der US-Hardcore-Band Hatebreed schreiben und dazu kurzfristig ein Interview mit Jamey Jasta machen. Der erste Teil der Vorbereitungen läuft geschmeidig: Das neue Album bekomme ich binnen Sekunden per Exklusiv-Download, ich habe einen Tag Zeit, um mein Wissen über die Band aufzupolieren, der Telefontermin ist fix und ich weiß, wo ich wann anrufen soll. Aber manchmal reicht gute Vorbereitung nicht, damit ein Interview läuft.
Die Plattenfirma verwendet eine ihrer eigenen Telefonnummern und leitet sie auf die Privatnummer des Musikers um. So entstehen keine Telefonkosten jenseits der üblichen Flatrate; außerdem, das sagt aber so niemand, bleibt die Direktverbindung zum Künstler unter Verschluss. Über die Uhrzeit wundere ich mich allerdings bei den Absprachen sogleich, und zwar unisono mit der Pressefrau der deutschen Plattenfirma. 13.50 Uhr, das ist nicht einmal acht Uhr morgens dort, wo ich anrufen soll. Wir haben gewisse Vorurteile darüber, wann Rockstars wach sind. Sie habe extra dreimal nachgefragt, das sei korrekt, sagt die wohlorganisierte Plattenfirmenfrau. Und sie entschuldigt sich dafür, dass die übergeordnete Abteilung angeordnet habe, alle Interviews auf 20 Minuten zu begrenzen.
Als ich dann anrufe, springt sofort ein Anrufbeantworter an. Vielleicht überzieht mein Vorgänger seine Zeit, denke ich. Nach fünf Versuchen rufe ich bei einer anderen Nummer der deutschen Plattenfirma an und berichte von meinem Problem. Daraufhin wendet sich die Plattenfirmenfrau an ihre Kollegin in der Europazentrale. Erster Rückruf: Ich solle es bitte weiter versuchen.
Zwanzig Minuten später: Ich solle abwarten, ich bekäme einen neuen Termin. Wann? Keine Ahnung. Man versuche, mir noch am selben Tag ein Interview zu verschaffen. Ich sage der Plattenfirmenfrau durch, zu welchen Zeiträumen ich in den nächsten Tagen interviewbereit bin. Dann tut sich gar nichts mehr.
Eine knappe Stunde später – ich hatte mich gerade entschlossen, Pause zu machen und etwas zu essen – klingelt das Telefon. In der Leitung ist eine Frau, die sich kurz als Mitarbeiterin der europäischen Plattenfirmenabteilung zu erkennen gibt, bevor sie sagt: “Ich habe jetzt Jamey in der Leitung. Und ich muss Sie bitten, zu respektieren …” – an diesem Punkt denke ich, dass jetzt inhaltliche Einschränkungen kommen, und stöhne innerlich – “… dass das Interview auf keinen Fall länger als 20 Minuten dauern kann.” Ich sage, “ja, das weiß ich”, und bitte die Dame um eine Sekunde, damit ich Aufnahmegerät und Interviewunterlagen klarmachen kann. Fertig. Oder auch nicht.
Ich lande nicht bei Jamey Jasta, sondern in der Warteschleife. Bürogeräusche. Piepen. Warteschleife. “Hello?? Oh, sorry.” Und wieder Warteschleife. Nach zwei Minuten springt mein Aufnahmegerät in Wartemodus. Dann drückt mich irgendjemand ganz aus der Leitung. Kurz darauf: nächster Versuch, selbes Ergebnis. Dann: Stille.
Eine gute halbe Stunde später sehe ich wieder die ausländische Telefonnummer auf meinem Telefon. Ich bekomme dieselben Instruktionen, stelle mich innerlich auf die nächste Runde in der Warteschleife ein, aber nein: Ich höre die Stimme von Jamey Jasta. Der entschuldigt sich erst einmal wortreich, irgendjemand (ich habe sofort die Warteschleifenexpertin in Verdacht) habe Termine in Deutschland und England vergeben, ohne die Zeitverschiebung zwischen diesen Ländern zu berücksichtigen, und es sei furchtbar nett, dass ich jetzt aber auch noch könne und … Das dauert schon Minuten! Mit gehetztem Blick auf die Uhr sage ich ein englisches, sehr freundliches Pendant zu “ja, ja”, und dann stelle ich endlich eine Frage.
Als ich nach dem Interview noch ein Detail im Internet recherchieren möchte, sehe ich, dass Jamey inzwischen getwittert hat: Interviews habe er morgens gemacht, und gerade eben auch das für das Magazin, das ich beliefere. Dem Plappermedium entsprechend belanglos klingt das. Ich muss schmunzeln. Schließlich war die Tatsache, dass dieses Interview überhaupt gelaufen ist, nach all den Verbindungsproblemen fast eine Meldung wert.
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