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GUTE FRAGE!

08.10.2009 von Petra Engelke

Ach, so geht es mit der Eitelkeit: Der Mensch hört zuweilen nur das, was er hören will. Im Interview zum Beispiel, wenn einer sagt: “Oh, das ist eine gute Frage.” Vielleicht soll es ja ein Lob sein. Wahrscheinlicher ist aber, dass sich dahinter höfliche Strategie verbirgt: Zeit gewinnen lautet die Devise, mit der manches Interview gehandelt wird.

Ein Spezialfall liegt vor, wenn ein Interviewgast damit – oder mit anderen Mitteln – sehr viele Fragen beantwortet. Genauer gesagt: eben nicht beantwortet. So füllt sich das Stundenglas, nicht aber der geplante journalistische Beitrag. Was tun?

Aus diversen Erfahrungen (Beispiele siehe unten) habe ich zwei Grundmuster generalisiert, die einzeln oder im Duo funktionieren. Jedenfalls für mich.

Erstens: Ruhe und Distanz wahren.  Es ist schon recht, kurz auf einer Metaebene darüber nachzudenken, was wohl die Ursache dafür sein könnte, dass der Interviewte so viele Fragen zwar als “gut” oder “interessant” wertet, mehr dazu aber nicht kommt. Vielleicht fragt er sich dasselbe auch schon lange – ohne Ergebnis (was frage ich auch nach dem Sinn des Lebens). Vielleicht hat er sich darüber noch nie Gedanken gemacht. Dann könnte ich Hilfestellung geben, die Frage etwa eingrenzen oder offener formulieren, sie konkreter fassen oder an Alternativen binden. Aber ich behalte dabei Distanz: Drückt sich jemand um Antworten, bleibt vage oder still, dann muss das nichts mit meinen Fähigkeiten oder meiner Person zu tun haben. Das sage ich auch dem aufwallenden Zorn, wenn ich den Eindruck habe, mein Gesprächspartner verweigert die Antwort aus purer Boshaftigkeit.

So war es nicht, als ich kürzlich mit dem Musiker Kyp Malone telefonierte. Er machte einen höflichen Eindruck. Aber im Hintergrund waren Geräusche zu hören, da gab es vielleicht Ablenkung, ich weiß nicht, was um ihn herum geschah, wie lange er geschlafen hatte etc. Jedenfalls sagte er sehr oft: “I don’t know, that’s a good question.” Oder etwas wie: “That’s interesting, you know?” Verharrte ich dann still, kam von ihm zuweilen durchaus noch ein Satz hinterher. Ich hielt Gesprächspausen in diesem Falle länger aus – bewahrte buchstäblich Ruhe.

Zweites Muster:  andere Gesprächsthemen finden. Passiert es im Interview zu oft, dass eine Frage keine Antwort zeitigt, schalte ich meine Strategie um. Weg von logisch aufeinander folgenden Fragen. Schließlich bieten mir die einsilbigen Antworten kaum Anknüpfungspunkte. Also tippe ich neue Themen an und beobachte genau, was auf Aufmerksamkeit stößt, genug Interesse weckt, um mehr als einen Satz hervorzubringen. Daran lässt sich dann anknüpfen. Und wer weiß, vielleicht auch eine der “guten” Fragen einbinden.

Vor Jahr und Tag interviewte ich einen Musiker, der – aus welchen Gründen auch immer – recht lichtscheu war, häufig aufsprang, rastlos durch den Konferenzraum lief, in dem das Interview stattfinden sollte, beachtlich viele Bananen aß und auf Fragen gern mit einem gedehnten: “Ääähm … keine Ahnung” reagierte. Es war allerdings nicht direkt sein Verhalten, das mir Mühe machte, die Fassung zu bewahren. Sondern eher mein eigenes. Schließlich hatte ich direkt vor dem Termin mit einem Kollegen noch Witze darüber gerissen, dass tiefe Recherche zuweilen zu komplizierten Fragen führt, die dann mit “Ähm, keine Ahnung” quittiert werden. Der Kollege saß nun neben mir und gluckste. Nach dem dritten “gute Frage!” musste ich husten, der Kollege sprang mit einer sehr, sehr simplen Frage ein.

Ich fing mich wieder, suchte nach einem Thema, das die Aufmerksamkeit des Musikers gewinnen würde, während selbiger erneut aufstand und herumlief. Bis ich sagte, ich hätte da ein Gerücht über ihn gehört. Blitzschnell nahm er seinen Stuhl, rückte ihn nah an den Tisch, an dem ich saß, stützte die Ellenbogen auf und sagte: “Schieß los.”  Eine halbe Minute später bekam zitierfähige Kommentare.

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