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BIS EINER HEULT

17.05.2010 von Petrina Engelke

“Mann, mit diesen ewigen Depressionen kann der Typ einem ja leid tun”, sage ich in einer Pause zur Pressefrau. Woraufhin sie mir erzählt, dass er bei dem Interview, das im Anschluss an meinen Termin stattfand, vor laufender Kamera in Tränen ausgebrochen ist.

Ob das stimmt, weiß ich nicht. Ich habe lange überlegt, ob ich darüber überhaupt schreiben soll. Aber mich reizt die Frage dahinter: Wollen wir das? Gibt es Journalisten, die es als ihren Job begreifen, solche Emotionen hervorzurufen?

Ich fürchte schon. Da muss ich nur die hiesigen Abendnachrichten einschalten und sehe die Schwester des jungen Manns, der von der U-Bahn überfahren wurde, als er einer Frau helfen wollte, die ihren Mantel von den Schienen klauben wollte (kein Kommentar). Die Schwester weint. Wie in jeder anderen Berichterstattung über schlimme Unfälle, Brände und Morde auch. Heulende Angehörige.

Ich finde das pietätlos. Ich bin davon überzeugt, dass ich meine Interviewpartner zum Weinen bringen könnte, auch wenn sie nicht soeben etwas Schlimmes erlebt haben. Aber diese Grenze überschreite ich nicht. Aus zwei Gründen: Erstens hat mein Publikum keinen Gewinn davon. Es ist also schlicht nicht mein Job, jemanden zum Weinen zu bringen, es wäre höchstens ein ganz schräger Egotrip meinerseits.

Zweitens empfinde ich eine Verantwortung, wenn ich Menschen alles fragen darf, was ich will. Dazu gehört auch, dass ich mir überlege, welche Frage wohin führen soll, und beobachte, wie das Gespräch verläuft, welche Überraschungen da vielleicht auf mich warten, auf die ich so reagiere, dass das Interview weiterhin seinen Zweck erfüllt. Und ich bin keine Therapeutin, bezweifle also, dass ich intensiven Gefühlsausbrüchen kompetent begegnen kann.

Ich weiß, dass die Kollegen mit diesem Film vielleicht Furore machen. Aber ich möchte lieber mit Substanz punkten als mit Salzwasser.

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