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INTERVIEW-VORBESPRECHUNG: Ein abgekartertes Spiel

28.04.2014 von Petrina Engelke

“Kann ich schon mal ein paar Fragen vorab haben?” Diese Frage reiht sich gerne mal in den Tanz ein, den ich mit Interview-Gästen tanze. Anfrage, erstes Signal von Interesse – und dann zuweilen eben diese Bitte um Fragen. Da ich einerseits nicht mit Fragebogen in ein Interview gehe, andererseits aber gutheiße, wenn sich jemand auf das Interview einstellen oder vorbereiten möchte, schicke ich selten Fragen und stattdessen zwei, drei mögliche Themen des Gesprächs.

Vor einem Live-Interview kann das anders laufen. Gerade in diesem Fall: Margot Friedländer ist 92 Jahre alt und hat mir gesagt, sie würde das eigentlich lieber auf Deutsch machen. Das geht aber nicht, weil unser Publikum zu einem guten Teil gar kein Deutsch versteht. Also denke ich mir: Klar, gerne, wir gehen vorher einige Fragen einfach mal durch. Das hat allerdings unerwartete Folgen.

Erstens klappt es nicht, mal eben schnell ein paar Themen durchzugehen. Frau Friedländer antwortet ausführlich, und ich schaue auf die Uhr. Egal.

In diesem Falle soll nach der Vorbesprechung ja kein langes, persönliches Interview stehen, um dessen schönste, spontanste Antworten ich mich gerade bringe, sondern meine Rolle besteht darin, dabei zu helfen, Margot Friedländer dem Publikum vorzustellen: Sie hat als junge Frau in Berlin den Holocaust überlebt und erst viele Jahrzehnte später in New York darüber geschrieben, zunächst auf Englisch, später auf Deutsch. Unser Live-Interview soll später den Weg für Fragen aus dem Publikum bereiten.

Vorbesprechung gibt Zeit, über Interview-Fragen nachzudenken

 

Und zweitens … führt so ein Vorab-Interview oft zu ganz neuen Antworten. Schließlich kann sich meine Interviewpartnerin nun ja noch einmal in Ruhe überlegen, was sie auf diese oder jene Frage sagen möchte. Und ich sage es mal so: Frau Friedländer hat einen ausgezeichneten Sinn für Humor.

Im Vorgespräch, noch vor unserem Vorab-Interview, hatte sie mir davon erzählt, wie sehr sie sich wenige Tage zuvor bei einer Lesung über eine seltsame Frage aus dem Publikum aufgeregt hatte. Als wir nun über den Ablauf des Live-Interviews sprechen, greife ich das auf und sage: “Ich könnte vielleicht zum Schluss danach fragen, ob es Fragen gibt, an denen Sie Anstoß nehmen.” Sie nickt. Das erscheine ihr als ein passender Übergang für die Fragerunde mit dem Publikum.

Und dann sitzen wir auf der Bühne, sie beantwortet nach meiner ersten Frage gleich die nächsten beiden Fragen mit (typisch, denke ich mir, so läuft das nämlich, wenn man im Vorgespräch die “echten” Fragen stellt), ich denke mir flugs etwas Neues aus, und es läuft gut. Schließlich ist es Zeit, das Publikum einzubeziehen.

“Gibt es Fragen, an denen Sie Anstoß nehmen?”, frage ich also.

“Ja”, sagt sie und blitzt mich mit ihren Augen schelmisch an, setzt aber ansonsten ein Pokerface auf. “Diese Frage.”

Ein Vorgespräch macht noch keinen roten Faden

 

Das läuft also mal so gar nicht wie erwartet oder besprochen. Mir gefällt das, jetzt kann ich auf Spontaneität umschalten. Wenn da nur nicht dieser fiese Kicherreiz wäre. Ich ringe ihn unter meinen Kehlkopf und sage: “Die, die ich gerade gestellt habe?”

Sie nickt. Fügt hinzu, dass sie sich bei ihren Lesungen aber alles fragen lässt. Und gibt mir damit eine Steilvorlage für meine Überleitung.

“Nun”, sage ich, ans Publikum gewandt. “Nachdem Sie nun gelernt haben, dass jeder außer mir fragen darf, was er möchte, nehmen wir gerne Ihre Fragen, wir haben auch ein Mikrofon für Sie …”

Die Leute lachen, und natürlich findet sich sofort jemand, der sich traut, eine Frage zu stellen. Ganz so, als hätten Frau Friedländer und ich es vorher geübt, ein Publikum aus der Reserve zu locken.

Auf was man sich einstellen muss, wenn man vorab Fragen schickt

 

Merke: Wenn – aus welchem Grunde auch immer – bei einem Interview vorab schon mal Fragen herausgegeben oder besprochen werden, hat nicht nur die Interviewerin die Möglichkeit in der Hinterhand, im “echten” Interview dann etwas völlig anderes zu fragen. Dasselbe gilt auch für die Interviewpartnerin. Sie kann überraschend neue Antworten zum Besten geben.

Ein ausführliches Interview habe ich mich Margot Friedländer auch gemacht. Davor gab es keinerlei Absprachen oder Briefings oder “Schicken Sie mir doch mal ein paar Fragen”-Tänze. Nachzulesen ist es (hinter einer Paywall) bei Galore:

Margot Friedländer: “Ihr müsst die Zeitzeugen sein!”

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