Im ersten Teil ging es um konfrontative Interviews. Das ist nicht jedermanns Sache. Manche Menschen mögen den Schlagabtausch nicht besonders, sie fühlen sich in einer kooperativen, warmen Atmosphäre zu Hause. Auch das lässt sich für Interviews nutzen.
In der Managementsprache nennt man es “weiches Interview”: ein Gespräch, bei dem der Interviewer deutlich signalisiert, dass er sich in seinen Gesprächspartner einfühlen will. Gehört der etwa auf die Therapie-Couch?
Nein. Ein empathischer Stil kann zum Beispiel ein Gespräch voranbringen, in dem es um Gefühlswelten geht – darüber redet es sich schließlich leichter mit einem Menschen, der einem mit Respekt, Wärme und Interesse begegnet. Auch für Interviewgäste, die sehr zurückhaltend sind, bietet sich dieser Stil an.
Aber Obacht: Sich einzufühlen heißt nicht, die Interviewziele aus den Augen zu verlieren! Auch in einem empathischen Interview bleibt man am Steuer und prüft laufend, ob der Pfad, den die Gesprächspartnerin da gerade einschlägt, zu etwas führt, das für die LeserInnen, HörerInnen oder ZuschauerInnen interessant ist.
Bei diesem Interviewstil heißt es besonders wachsam sein, um zu bemerken, wo eine kritische Nachfrage nötig ist – und auch, wo der Interviewgast Grenzen setzt. Man sollte sich nicht dazu verleiten lassen, nur aus Prinzip immer tiefer zu bohren – auf die eventuelle Rückfrage, wieso man das denn nun wissen wolle, sollte man eine gute Begründung haben. Das ist Teil der Vorbereitung.
Dazu gehört auch, dass man sich überlegt, welche Konsequenzen Fragen zu sensiblen Themen haben könnten: Wer sich an sehr heiklen, persönlichen Fragen versucht, muss mit einer emotionalen Reaktion rechnen. Dabei gilt es zu bedenken: Das journalistische Interview ist weder Therapiesitzung noch Beichte, die meisten JournalistInnen sind für das, was sie mit pseudo-psychologischer oder moralisierender Vorgehensweise auslösen könnten, gar nicht ausgebildet. Ich finde nicht, dass es Aufgabe einer Journalistin ist, ihren Gesprächspartner zum Weinen zu bringen – aber wenn es passiert, sollte sie wissen, wie sie im Falle eines Falles reagieren kann.
Einfühlsame Menschen haben hier den Vorteil, dass sie sich schon bei der Vorbereitung besonders gut in die Situation ihres Gegenübers hineindenken können, sie können sich vorstellen, wie z.B. ein Opfer eines Verbrechens auf (platte) Fragen darüber reagiert, wie das denn nun genau war – und daraufhin vielleicht die eine oder andere geplante Frage wieder streichen.
In einem empathisch angelegten Interview sollte man nicht nur auf die Inhalte lauschen, sondern auch Bemerkungen registrieren, die sich auf den Stil beziehen – und ggf. etwas mehr Distanz aufbauen. Man sollte sich auch bewusst darüber sein, dass hier auch die eigene Persönlichkeit zum Thema werden kann. Und dass es nicht immer einfach ist, Reaktionen richtig zu deuten.
Vor einigen Jahren sprach ich mit Greg Graffin (Sänger der US-Band Bad Religion) unter anderem über sein “Doppelleben” zwischen Wissenschaft (er hatte gerade seine Doktorarbeit in Biologie veröffentlicht) und Punkrock (seine Band hatte gerade eine neue Platte veröffentlicht). An einer Stelle sagte er: “You are so insightful.” Was meinte er nun damit? “Insightful” heißt sowohl so etwas wie “aufmerksam, klug” als auch “einfühlsam”. Wollte er mir nun ein Kompliment zur Interviewführung machen – oder ironisch darauf hinweisen, dass ich nun aber nicht in ihn hineinkriechen soll?
Verwirrend, alldieweil das Interview eher sachlich angelegt. Ein Ausschnitt daraus findet sich hier.
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