Hinterher klinge ich lässig. Während des Interviews verfolge ich unerwartete Spuren, reagiere spontan auf Gesagtes und Atmosphärisches. Aber für mich funktioniert das nur, weil ich meine Grundfragen bis aufs einzelne Wort vorbereite. Ich überlege mir nicht nur Stichpunkte, sondern ich probiere bei der Vorbereitung verschiedene Frageformen und komplette Formulierungen aus. Pedanterie? Eher Psychologie:
Ich folge den Gesetzen der Wahrnehmung. Je besser ich meine Fragen formuliere, desto leichter mache ich es meinem Gesprächspartner, zu antworten (und desto eher bekomme ich zitierfähige Sätze). Er kann beim Zuhören ja nicht zurückzuspringen zu dem Teil, der ihn verwirrt oder den er schon wieder vergessen hat. Er kann mich höchstens bitten, die Frage zu wiederholen.
Verwende ich zum Beispiel stinkefaul einen ohnehin schwachen Satz aus den Rechercheunterlagen und stelle ihn fragezeichentauglich um, steht auf dem Fragezettel: “Was ist Ihnen unabhängig von den jeweiligen Szenarien und der Polarisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse wichtig?” Worauf ich hinauswill, erfährt der Befragte erst ganz zum Schluss. Das letzte Wort könnte schließlich statt “wichtig” auch “suspekt” heißen. Oder “aufgefallen”. Oder “im Weg”.
Solche Satzklammern garantieren fast schon Verständnisprobleme: Man muss sich viel merken, um am Ende den Sinn erfassen zu können. Oft führen sie sogar in die Irre. Also heißt es umbauen: Weg mit der Klammer. In diesem Beispiel kann ich sie etwa mit Hilfe einer Balkonfrage unschädlich machen (Sachinformation voranschicken, dann “Was ist Ihnen wichtig” hinterher). Oder ich ziehe das “wichtig” nach vorn (vor “unabhängig”). Wo ich schon dabei bin, kann ich mich auch gleich noch um die schäbigen Substantivierungen kümmern. Bald frage ich mich, ob ich diese Frage lieber doch ganz anders stellen will.
Beim Fragen-Formulieren folge ich denselben Grundsätzen wie beim Sätze-Schreiben: Ich halte die Fragen so einfach und kurz wie möglich, nenne das Wichtigste zuerst und lasse nahe beieinander stehen, was inhaltlich zusammengehört. Diesen Regeln gehorcht manche Frage auf Anhieb. Manchmal feile ich eine Weile. Manchmal scheitere ich (und streiche).
Leider halte ich mich nicht immer an mein eigenes Dogma. Schon durchzuckt es mich während des Gesprächs, und ich sage so etwas wie: “Oh, das habe ich missverständlich ausgedrückt. Anders formuliert: …” Bisher habe ich es in solchen Momenten immer geschafft, spontan eine klarere Frage zu finden. Allerdings habe ich damit auch schon hübsch geplante Überraschungseffekte ruiniert.
Tags: Frageformen · Interviewführung · VorbereitungKeine Kommentare
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