“Und, wie war XY so?”, fragen Freunde hinterher. Fraglich, ob sich das nach einer halben Stunde im selben Raum sagen lässt. Einmal davon abgesehen, dass die Interviewten oft durch ihre Rolle und nicht als Privatperson für Interviews interessant werden – und sich entsprechend präsentieren. Trotzdem jagen die meisten Journalisten dem Authentischen nach. Sie wollen den Interviewpartner als Menschen sehen – schließlich ist ein Interview zur Parademethode geworden, um Einblicke in Innenleben zu geben. Muss, wer das erreichen möchte, er selbst sein oder sollte er sich ebenso inszenieren?
Ich gebe mich in Interviews fast genau so, wie ich bin. Mit zwei Unterschieden: Ich habe über die Inhalte und die Form des Gesprächs vorher lange nachgedacht (was mir beim Plausch in der Bäckerei selten unterkommt), und ich rede weniger (was mein soziales Umfeld neiderfüllt zur Kenntnis nimmt).
Klar kann ich in Interviews zusätzlich eine Rolle spielen, die ich mir vorher ausgesucht habe. Manche lieben es, vor ihrem inneren Auge Richterrobe und Puderperrücke überzuziehen, um alsdann gestreng nachzuhaken. Manche sehen sich im Klassenzimmer, schauen auf zum großen Meister, arbeiten damit, dass der das als Schmeichelei versteht – als Streber bekommen sie Bestantworten. Oder man probiert die Psychologenrolle: Oprah Winfrey etwa hat sich darin so gut eingerichtet, dass sie sogar die Geste beherrscht, diskret die Taschentücherschachtel rüberzuschieben. Und eine liebe Kollegin (mit Schauspielausbildung) erzählte mir mal, für Jobs am roten Teppich spiele sie ganz bewusst eine – nun ja: Journalistin.
Wichtig finde ich dabei zwei Dinge: Erstens muss die Rolle zur eigenen Persönlichkeit passen. Schließlich unterscheiden sich Interviews zwar in vielen Aspekten von Privatgesprächen – aber nicht, was die Atmosphäre anbetrifft. Ehrlichkeit und Echtheit gewinnen hier wie da. Man kann also durchaus eine Rolle als Hilfmittel wählen, um die eigene Position im Interview zu planen. Aber ich bin überzeugt davon, das funktioniert nur dann, wenn man diese Position mühelos ausfüllen kann. Zweitens nagelt man sich mit der Rollenwahl fest. Ein Interview geht baden, wenn einer mittendrin die Rolle wechselt. Da heißt es konsequent bleiben, auch das will bedacht werden, wenn sich ein Interviewer für Rollenspiele entscheidet.
Mit oder ohne Zusatzrolle bleibt die Frage: Wie viel Persönlichkeit ist erlaubt? Da frage ich zurück: Um wen soll es denn gehen im Interview? Ich halte es für ein Merkmal guter Interviewer, diese gewisse Größe zu haben, anderen die Bühne zu überlassen. Gerade weil Journalisten eitle Geschöpfe sind, ist die Voraussetzung dafür ein Blick in den Spiegel. Und zwar in die Art Spiegel, die einen kleinlaut aus der Anprobekabine schleichen lässt.
Danke
Hej,
schön geschrieben, aber leider geht die Verlinkung nicht.
LG
Danke für den Hinweis, ich hab’s korrigiert.