Interviews finden nicht nur hinter geschlossenen Türen statt, sondern auch öffentlich. Manchmal verstecken sie sich dann hinter Begriffen wie “Podiumsdiskussion” oder “Talk”. Oft werden Journalisten engagiert, um eine Gesprächsrunde in Gang zu bringen oder es einem Gast zu ersparen, einen schnöden Vortrag halten zu müssen. Weil Journalisten es drauf haben sollten, wie man gute Gespräche führt. Aber plötzlich frage ich mich, ob das wirklich stimmt. Mehr noch: Ob Interviewer in Live-Situationen womöglich überflüssig sind.
Anlass für diesen Gedanken ist ein Abend in der Brooklyn Public Library. Ich höre Jonathan Franzen und David Means zu und staune und lache und lerne. Die beiden Schriftsteller sollten nach einer Kurzlesung auch reden, haben aber niemanden zur Seite gestellt bekommen, der die Fragen stellt. Trotzdem ist dieser Teil des Abends mindestens zu unterhaltsam und geistreich wie die Geschichten, die die beiden gelesen haben. Woran liegt das?
Ich denke, viele Faktoren gelten genauso für ein “echtes” Interview. Erstens spielt eine Rolle, dass die beiden sich kennen. Das macht es leichter, die ungezwungene Atmosphäre zu schaffen, an der Journalisten zuweilen hart arbeiten müssen. Als Franzen beispielsweise eine Frage an Means einleitet mit “Ich erinnere mich, dass du mir vor einigen Jahren mal zwei Entwürfe für die Geschichte zeigtest, die du eben gelesen hast …”, fällt ihm Means ins Wort: “Na toll, ich hab doch eben die Geschichte damit angekündigt, dass sie ganz neu ist!” Und beide kichern.
Zweitens kennen sie sich im Thema - Schreiben, Interviews geben, elektronische Bücher - aus. Drittens interessieren sie sich für diese Themen - und füreinander. Und viertens fragen und antworten sie so, wie es ihrer Persönlichkeit entspricht. Weil man genau das im US-Fernsehen nicht von den Gästen erwartet, seien Interviews dort so schwierig, sagt Franzen auf eine Frage aus dem Publikum. Er findet, dass man Schriftsteller für solche Interviews trainieren sollte.
An diesem Punkt allerdings würde ich mich fragen, ob Interviews an sich überflüssig sind.
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