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Reaktion auf ein Interview: VERTRAUEN ODER MEDIENTRAINER?

29.11.2013 von Petrina Engelke

Selten passiert es, dass die Menschen, die ich interviewt habe, mir hinterher eine Rückmeldung geben. Und wenn, rührt ein “Ach, das ist ja toll geworden” tief drinnen im Bangemachersumpf die Frage auf: Hab ich mich da etwa vor einen PR-Karren spannen lassen und es nicht gemerkt?

Heute kam dagegen eine Reaktion auf ein 4-seitiges Interview in Business Ladys, die mir etwas über meinen Interviewstil spiegelt – und gleichzeitig die Latte für die Leute höherlegt, mit denen ich als nächstes sprechen werde.

Die Serien-Firmengründerin Katja Bartholmess sagt es mir erst und schreibt es wenig später auch in ihren Blog “Business for Pussies“:

Ich brauche sicher mal einen Medientrainer.

Davon rate ich (in diesem Fall zumindest) ab, aber dazu später. Erst einmal: Das gedruckte Wort wirkt ganz anders als das gesprochene – aber im Wortlaut-Interview lässt sich durchaus rüberbringen, wie ein Mensch redet, denkt und … tickt. Oder, wie Katja Bartholmess es so schön ausdrückt:

Die Fragen sprachen mich an und ich redete, wie mir das eigen ist, so wie der Schnabel gewachsen ist, mit viel Gelächter und ohne Rücksicht auf Verluste.

Die ersten fünf Worte geben mit eine Rückmeldung über meinen Interviewstil (oder zumindest darüber, wie er rüberkommt): Ich arbeite nicht konfrontativ, sondern ich stelle eine Verbindung her. Dazu stelle mich auf einen Menschen ein, und schon in der Vorbereitung hinterfrage ich, ob ich will wirklich wissen, was ich frage, und wie ich danach so fragen kann, dass man auch mal nachdenken muss.

In diesem Falle hat das vielleicht dazu geführt, dass sich das Interview weniger nach Chefin-Repräsentieren und Rollenspiel als nach einem Gespräch unter Gleichgesinnten anfühlte. Tja, und so kommt es dann, dass dieses Interview bei den Leserinnen super angekommen ist (besagen die eingetrudelten Reaktionen im Verlag): Da hat ein Mensch geantwortet, keine Phrasendresche.

Deshalb rate ich hier ja auch vom Medientrainer ab und stattdessen zu Mut: Ein Interview ist doch keine Staatserklärung – rutscht mir im Gesprächsverlauf etwas heraus, dass mir ungenau erscheint, kann ich mich erstens berichtigen mit dem klaren Hinweis: “Das war falsch, noch mal: …” Zweitens kann ich bei heiklen Fragen, die ich nicht öffentlich machen will, aber einer Interviewerin sagen möchte, auch sagen: “Das kann ich Ihnen sagen, aber drucken dürfen Sie das nicht, bitte schalten Sie das Aufnahmegerät einen Moment aus.”

Klar, dazu gehört Vertrauen, das missbraucht werden kann. Und es gibt sicherlich genug JournalistInnen, die darüber anders denken. Nämlich: Die Interviewsituation ist ein klarer Rahmen dafür, dass alles, was gesprochen wird, öffentlich ist. Punkt. Je nach Interviewstil finde ich das auch passend. Aber ich mache ja meist Interviews, in denen es um die Person geht – und das geht nicht ohne Vertrauen und Verantwortung dafür.

Deshalb halte ich mich – wenn auch manchmal unter Bauchschmerzen oder Zornesmigräne – stets daran, wenn mich während des Interviews jemand bittet, dieses oder jenes nicht zu verwenden. Ich will einfach nicht in einer Welt arbeiten, in der alle vor lauter Angst nur noch stromlinienförmige, total unverfängliche Antworten geben.

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