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GEFÜHLE IN INTERVIEWS: Tränen im Olympiaschnee

17.02.2014 von Petrina Engelke

Ganz nah ist die Kamera an den Skirennfahrer Bode Miller herangerückt. Der hat gerade eine Bronze-Medaille gewonnen und sich damit zum ältesten Alpin-Ski-Medaillengewinner der Olympiageschichte gemacht. Jetzt kommt er emotional ins Stolpern, Interviewerin Christine Cooper fragt weiter, Miller bricht in Tränen aus, das Bild steht. Da hat sich der US-Sender NBC etwas eingebrockt! Zuschauer finden die Interviewerin unmöglich. Aus Interview-Expertensicht steht aber nicht allein die Moralfrage im Mittelpunkt.

Hier erst einmal ein Video des TV-Interviews. Die Krux daran erklärt Al Tompkins in einem sehr, sehr empfehlenswerten Artikel bei Poynter – er enthält auch eine Abschrift der emotionalen Interviewpassage.

Nachlesen? Bitteschön!

In seiner Analyse nimmt Tompkins auseinander, was in diesem Interview eigentlich schiefgelaufen ist, und holt sich Rat bei Schreib-Coach und Journalismus-Dozent Roy Peter Clark. Dabei fallen zwei Sätze, die sich Journalisten meiner Ansicht nach hinter die Ohren tätowieren sollten:

Repeating key phrases that your interview subject uses can be a powerful tool because it shows you are listening, not just laying out your own agenda of questions.

Zuhören, liebe Leute, zuhören. Dann finden sich im Interview Anknüpfungspunkte, auf die man bei der Vorbereitung nicht gekommen ist – oder auf die man gar nicht kommen konnte. Das zeigt nicht nur dem Interviewpartner, dass man zuhört und sich für ihn interessiert. Es bringt auch Antworten hervor, die etwas aussagen. Und es holt ein Interview, das emotional abgleitet, wieder zurück auf Fragen, die der Rede wert sind. Substanz statt Salzwasser, lautet dabei meine Devise.

Goldener Satz Nummer Zwei, von Roy Peter Clark:

You know you are stepping over the line when the public’s attention turns away from what the subject is saying and turns toward what the interviewer is saying.

Das können sich nicht nur Interviewerinnen, sondern auch gerne mal Talkshow-Moderatoren merken: Ein Interview ist nicht dazu da, sich selbst als harter Hund (oder doch eher Wadenbeißer?) in Szene zu setzen, mit gedrechselten Fragen zu beeindrucken oder das Publikum mit angehaltenem Atem auf die nächste Frage warten zu lassen. Im Interview geht es darum, was der Interviewpartner sagt. Und wenn das auf einmal völlig in den Hintergrund tritt, hat die Interviewerin etwas falschgemacht.

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